“22 Bahnen” von Caroline Wahl

04.05.2023

Hi, ich bin Bettina!

Ich liebe Geschichten von Menschen, für Menschen geschrieben. Das Lesen ist meine große Leidenschaft und Literaturvermittlung ist meine Mission. Also, worauf wartest du noch? Fang an zu lesen!

ein absoluter klassiker

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Zeig’ mir, was du kaufst und ich sag’ dir, wer du bist!

Warum ich „22 Bahnen“ von Caroline Wahl hier bespreche? Na, weil ich sie live beim Bloggertreffen des DUMONT Verlags auf der Leipziger Buchmesse erlebt habe und sie mich beeindruckt hat. Jede Antwort war wohlüberlegt und schlagfertig zugleich, kein Wunder also, dass ich neugierig auf ihr Debüt war.

Der Text beginnt mit einer Aufzählung von Lebensmitteln, die sich auf dem Band einer Supermarktkasse befinden, und für Tilda – die Protagonistin – ist es ein Spiel, von den Einkäufen auf die einkaufende Person zu schließen. Zeig mir was du kaufst, und ich sag dir wer du bist! Der Nebenjob begleitend zum Mathematik-Studium stellt noch keine Besonderheit dar. Außergewöhnlich sind allerdings Tildas familiäre Belastungen, denn ihr Vater hat die Familie schon vor Jahren verlassen, die Mutter ist Alkoholikerin (mit teil gewaltbereiten, teil depressiven Phasen) und Ida – Tildas Halbschwester, Vater unbekannt – erst 10 Jahre alt. So trägt die Hauptfigur die gesamte Last des familiären Durchkommens emotional und zu großen Teilen auch materiell auf den Schultern.

In ihrem Buch „Lügen über meine Mutter“ schreibt Daniela Dröscher einen Abschnitt über den Aspekt der „Parentifizierung“, also über einen Mechanismus, bei dem sich die Verantwortlichkeiten zu Ungunsten von Kindern verschieben. Diese nehmen besonders emotional eine Rolle ein, die nicht ihrem Alter und Entwicklungsstand entsprechen. Tilda und Ida stecken in genau dieser Lage; Erholung verschafft Tilda fast ausschließlich das Schwimmtraining und die titelgebenden 22 Bahnen. Es ist ein schönes Bild, das die Autorin hier wählt, denn im Wasser entsteht bekanntermaßen ein Gefühl von Leichtigkeit.

“Mama schaut Fernsehen oder vegetiert vielmehr auf dem Sofa, während der Fernseher läuft.”

Die Passagen, in denen Wahl von den Erlebnissen mit der alkoholkranken Mutter erzählt, gehen unter die Haut und lassen die Leser:innen mitleiden, erzeugen ein Gefühl von Fremdscham und befördern die Erkenntnis der Zufälligkeit des jeweiligen Platzes im Leben. Als Tilda das Angebot erhält für eine Promotion nach Berlin zu ziehen, gerät sie in einen Gewissenskonflikt und Sorge um Ida und das Weiterleben ohne sie in diesem prekären Haushalt insgesamt.

Die sich langsam und buchstäblich anbahnende Liebesgeschichte mit Viktor (denn auch er schwimmt regelmäßig, meist ebenfalls 22 Bahnen) war mir persönlich zu vorhersehbar und holzschnittartig. Viktor, der tragischerweise seine gesamte Familie bei einem Autounfall verloren hat, wird als ‚einsamer und mehrheitlich schweigender Wolf‘ gezeichnet. Die beiden Verwundeten Tilda und Viktor finden schließlich und wenig überraschend zueinander. Abgesehen von diesem für mich zu wohlfühligen Erzählstrang, wartet der Text mit einer sehr gelungenen Kommentarfunktion über die Generation bis 25 Jahre auf und der zentralen Frage nach dem eigenen Weg und den Möglichkeiten, diesen auch zu gehen.

Die Erzählstimme wird von eingebetteten Dialogen unterbrochen, was einerseits das Erzählte unterstreicht und andererseits Geschwindigkeit in die Handlung bringt. Auch die sich wiederholenden Lebensmittelaufzählungen an der Supermarktkasse mochte ich, sie binden die Leser:innen in Tildas Challenge gekonnt ein.

FAZIT

„22 Bahnen“ ist ein lesenswerter Debütroman von einer Autorin, die nach meiner Auffassung das Potenzial hat, weitere gute und sehr gute Texte zu schreiben.

Mein Traum war immer schon, das Lesen zu meinem Beruf zu machen. Heute bin ich überglücklich, dass ich nach einem Studium (Kulturwissenschaften und Germanistik) und einer Promotion im Bereich Gegenwartsliteratur meine Liebe zur Literatur auf unterschiedlichste Weise ausleben kann – gern mit einem Kaffee und einem Stück Kuchen in der Nähe.

Ich liebe Geschichten, von Menschen für Menschen geschrieben.

bettina

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